Thema des Tages

09-04-2022 08:50

Von rekordverdächtigen Blitzen

Bereits im Februar verkündete die Weltorganisation für Meteorologie
neue Blitzrekorde. Wir werfen im heutigen Thema des Tages einen
genaueren Blick auf dieses faszinierende Phänomen.

Mit dem höheren Sonnenstand und den steigenden Temperaturen nimmt
hierzulande die Gewitterhäufigkeit allmählich wieder zu. So traten
bereits in den vergangenen Tagen häufiger Gewitter in Erscheinung.
Ein faszinierendes "Nebenprodukt" der Gewitter stellt dabei der Blitz
dar. Und dieser ist nicht ganz ungefährlich. Zwar sind es häufig die
Begleiterscheinungen wie heftiger Starkregen, Orkanböen, großer Hagel
oder Tornados, die enorme Schäden anrichten. Aber auch ein
Blitzschlag kann ein Haus in Flammen aufgehen lassen oder sogar
tödlich enden. Trotzdem faszinieren uns diese Gewalten der Natur
immer wieder aufs Neue.


Bei der Bildung eines Gewitters steigen feuchte und energiereiche
Luftmassen rasant in die Höhe auf. Dabei wird die Luft mit
zunehmender Höhe schnell abgekühlt, sodass es zur Kondensation des in
der Luft enthaltenen Wasserdampfes kommt. Entsprechend bilden sich
Quellwolken, die schließlich zu einem ausgewachsenen Kumulonimbus
(Gewitterwolke) heranwachsen. Im sogenannten Aufwindbereich des
Kumulonimbus werden sehr viele Wassertröpfchen und Eiskristalle mit
Geschwindigkeiten von über 100 km/h in eisige Höhen - zum Teil in
über 10 km Höhe - katapultiert, um anschließend wieder in Richtung
Erde zu fallen. Auf ihrem Weg durch die Gewitterwolke stoßen sie
dabei aneinander, wodurch es zu einer elektrischen Ladungstrennung
innerhalb der Wolke kommt. So entstehen zum einen positive Ladungen,
die sich im oberen Bereich der Wolke ansammeln, zum anderen
konzentrieren sich negative Ladungen im unteren Bereich. Die
Spannungen sind dabei erheblich und können bis zu 1.000.000.000 Volt
betragen. Um den enormen Ladungsunterschied innerhalb der Wolke bzw.
zwischen Wolke und Erdboden wieder auszugleichen, kommt es
schließlich zu Entladungen in Form von Blitzen.


Die Weltorganisation für Meteorologie (kurz: WMO) verkündete im
Februar dieses Jahres mit der Hilfe neuer Satellitentechnologie
gleich zwei neue Blitz-Weltrekorde: Zum einen wurde der längste Blitz
der Welt über dem südlichen Teil der USA zwischen Texas und
Mississippi am 20. April 2020 mit einer Länge von sagenhaften 768 km
registriert. Der Fehlerbereich liegt dabei bei plus/minus 8 km. Dies
entspricht einer Strecke etwa von Kiel in Schleswig-Holstein bis
Garmisch-Patenkirchen in Bayern. Damit wurde der alte Rekord vom 31.
Oktober 2018 über dem südlichen Brasilien mit einer Länge von rund
709 km um 59 km übertroffen.


Zum anderen wurde auch der Blitzrekord über die längste Andauer
geknackt. Am 18. Juni 2020 dauerte ein Blitz entlang der Grenze
zwischen Argentinien und Uruguay etwas mehr als 17,10 Sekunden an.
Der Fehlerbereich der Messung liegt bei Zweitausendstel (als Zahl:
0,002) Sekunden. Der vorige Rekord von 16,73 Sekunden über dem
nördlichen Argentinien vom 4. März 2019 wurde hierbei um 0,37
Sekunden übertroffen.


Durch die fortschreitende Technologisierung ist es aber eigentlich
kein "Wunder", dass neue Blitzrekorde aufgestellt werden. Während
vorangegangene Rekorde noch mit Hilfe von bodengestützten
Beobachtungen registriert wurden, die in ihrer Detektionsreichweite
eine gewisse Begrenzung besitzen, half beim Beobachten der jüngsten
Rekorde eine neue satellitenbasierte Technologie. Mit dieser neuen
Technologie lassen sich deutlich größere geografische Areale abdecken
und überwachen. Aber auch hier gibt es noch einige Begrenzungen,
weswegen laut den Forscher, die an der Untersuchung beteiligt waren,
durchaus größere Phänomene existieren könnten. Diese sollten mit
längeren Datenreihen und verbesserter Technologien schließlich
ebenfalls beobachtet werden.


Die Rekorde zeigen wieder einmal, wie faszinierend, aber auch, wie
gefährlich solche Naturgewalten sein können. Blitze überwinden zum
Teil große Distanzen in kürzester Zeit. Der Ort des Auftretens der
rekordverdächtigen Blitze ist dabei allerdings keinesfalls Zufall.
Die "Great Plains" in Nordamerika und das "La Plata"-Becken in
Südamerika sind für ihre langlebigen Gewitterkomplexe, sogenannte
mesoskalige konvektive Systeme (kurz: MCS), bekannt. Dort, in
vergleichsweise flachem Terrain, trifft idealerweise sehr feuchte und
warme Meeresluft auf kalte und trockene Festlandsluft. In Deutschland
blockieren beispielsweise meist die Alpen den direkten Zustrom sehr
feuchter und warmer Mittelmeerluft.


Auch hierzulande sollten Gewitter in der näheren Umgebung nicht
unterschätzt werden, wenngleich solche rekordverdächtigen Blitze in
Deutschland nicht auftreten. Blitze suchen sich in der Regel den Weg
des geringsten Widerstands in der Atmosphäre. Dieser Weg führt nicht
immer auf direktem Weg aus der Wolke zum Erdboden. Und so kann es
vorkommen, dass ein Blitz bei einem ausgewachsenen Gewitter in
Deutschland vereinzelt auch gut und gerne 10 bis 20 Kilometer neben
dem Zentrum der Gewitterwolke, also quasi "aus heiterem Himmel"
einschlägt. Deswegen ist es ratsam, bei aufziehenden Gewittern immer
frühzeitig Schutz zu suchen.


Grafiken zu den rekordverdächten Blitzen finden Sie im Pressebericht
der WMO über den auf https://t1p.de/tagesthema-dwd-20220409
angegebenen Link unterhalb des Artikels.

MSc.-Met. Sebastian Schappert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.04.2022

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