Thema des Tages

16-07-2022 14:50

Solarer Zehnkampf

Etwa 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen gehen auf den Bausektor
zurück. Doch wie lassen sich Architektur und Klimaschutz vereinbaren?
Beim internationalen Hochschulwettbewerb Solar Decathlon gab es viele
innovative Lösungen - und ein Gewinnerteam aus Karlsruhe.

Wie kann Architektur in Zeiten des Klimawandels, der
Ressourcenknappheit und der steigenden Nachfrage nach Wohnraum ihrer
Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht werden? Dieser Frage
sind die Teilnehmenden des "Solar Decathlon Europe" nachgegangen.

Der Solar Decathlon (englisch: solarer Zehnkampf) wurde 2002 als
internationaler Hochschul-Architekturwettbewerb vom
US-Energieministerium initiiert und findet seit 2008 auch in einer
europäischen Version als Solar Decathlon Europe statt. Erstmals war
nun Deutschland in diesem Jahr Austragungsland und so kamen vor
wenigen Wochen 16 Teams aus zehn Ländern nach Wuppertal, um ihre
Ergebnisse zu präsentieren: Solarhäuser mit neutraler oder sogar
positiver Energiebilanz.

Im Fokus des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
geförderten Wettbewerbs stand erstmals das Konzept "Solar Decathlon
Europe goes Urban", bei dem das nachhaltige Bauen und Wohnen im
städtischen Kontext im Mittelpunkt stand. Vor dem Hintergrund
zunehmender Urbanisierung und knappem Wohnraum lautete die Devise
also Um- und Weiterbau statt Abriss und Neubau.

Wie beim olympischen Zehnkampf, haben sich auch die Teams des Solar
Decathlon Europe in zehn Disziplinen gemessen: Architektur,
Gebäudetechnik und Bauphysik, Energieperformance, Realisierbarkeit
und Sozial-ökonomischer Kontext, Kommunikation und Bildung,
Nachhaltigkeit, Komfort, Funktion, Urbane Mobilität und Innovation.

Ein interdisziplinäres Team vom Karlsruher Institut für Technologie
(KIT) hatte schließlich die Nase vorn und holte den Gesamtsieg. Platz
2 ging an die TU Eindhoven, den dritten Platz teilten sich die Teams
aus Grenoble und Delft. Doch was macht das Siegergebäude so
besonders, wie sieht es aus und wie gelingt dort eine CO2-neutrale
solargestützte Energieversorgung?

Die Karlsruher widmeten sich einer Fläche, die sich über unseren
Köpfen befindet, oft übersehen wird und riesiges Potenzial an Bauland
bietet: Die Dächer der Stadt. Sie entwarfen ein Gebäudekonzept, das
als Aufstockung für ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert (das Cafe ADA
in der Altstadt von Wuppertal) konzipiert ist und ganz vom Gedanken
der Kreislaufwirtschaft geprägt ist: eine Fassadenverkleidung aus
Holz alter Scheunen aus dem Schwarzwald, nie verbaute Fenster aus dem
Lager eines Fensterbaubetriebs, Küchen- und Badezimmerabdeckungen aus
recycelten Joghurtbechern, natürliche Baustoffe wie Lehmputz und
getrocknetes Seegras als Dämmmaterial. Dabei sind alle Verbindungen
lösbar, auf Verwendung von Klebstoffen, Farben und Imprägnierungen
wird verzichtet.

Die Energieversorgung des Gebäudes basiert auf PVT
(photovoltaic-thermischen)-Kollektoren, die gleichzeitig Solarstrom
und Wärme für eine Wärmepumpe liefern, wobei letztere ein
Fußbodenheizungssystem und einen Warmwasserspeicher speist. Auch die
Umwandlung von Bioabfällen in Biogas zum Kochen wird berücksichtigt.
Alles in allem wird der gesamte Energiebedarf im RoofKIT Projekt -
dazu zählt nicht nur die Versorgung des Gebäudes an sich, sondern
auch alle Geräte und E-Mobilität - aus erneuerbaren Quellen gedeckt.
Eine passive Kühlstrategie, die im Sommer die Innenraumtemperaturen
im gewünschten Komfortbereich hält, sowie ein ausgeklügeltes
Beleuchtungskonzept runden das Karlsruher Projekt ab - seien hier
aber nur am Rande erwähnt.

Wer nun Lust bekommen hat, sich die nachhaltigen Bauten aus der Nähe
anzuschauen - kein Problem! Acht der 16 Versuchsbauten sollen auch
künftig zu Forschungszwecken als sogenanntes Living Lab in Wuppertal
stehen bleiben, der Rest wird rückgebaut und bekommt wahrscheinlich
einen Ehrenplatz auf dem jeweiligen Campus der beteiligten
Hochschulen.

Auch wenn die Zahlen recht ernüchternd sind - etwa 40 Prozent der
globalen CO2-Emissionen und 40 Prozent des weltweiten
Ressourcenverbrauchs gehen auf den Bausektor zurück - so zeigen sie
doch auch ein großes Potenzial auf. Denn wo viel verbraucht wird,
lässt sich (meistens) auch viel einsparen. Und vielleicht hat der
Wettbewerb diesbezüglich mit seiner Botschaft einen kleinen Beitrag
geleistet: Zeigen, wie nachhaltige Architektur aussehen kann und
damit möglichst viele (aktuelle und zukünftige) Hausbesitzer
inspirieren.

Dipl.-Met. Magdalena Bertelmann
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 16.07.2022

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