Thema des Tages

04-10-2016 14:40

MATTHEW: Der Hurrikan der etwas anderen Art

Blickt man vom Weltraum aus auf die Karibik - was ja in Zeiten von
Wettersatelliten kein Problem mehr darstellt - fällt einem sofort das
riesige verwirbelte, in sich brodelnde Wolkenmassiv über der
Karibischen See auf. Bei genauem Hinsehen entdeckt man innerhalb der
Wolkenmasse einen kleinen wolkenarmen Bereich. Dabei handelt es sich
um das Zentrum, das "Auge" des zurzeit in der Karibik wütenden
Hurrikans MATTHEW, den wir heute aus gegebenem Anlass zum Tagesthema
machen möchten. MATTHEW ist nämlich ein ganz besonderer Wirbelsturm.

Doch eins hat er mit allen starken Wirbelstürmen gemein: Sie stellen
eine Gefahr für Leib und Leben dar, vor allem wenn sie auf bewohntes
Gebiet treffen und nicht als sog. "Fischsturm" einsam ihre Bahnen
über dem Meer ziehen. MATTHEW befindet sich am heutigen
Dienstagmorgen (4. Oktober) noch gut 100 Kilometer südlich von Haiti
über der Karibischen See, wird aber auf seinem Nordkurs noch heute
die Südwestspitze Haitis, in der Nacht zum Donnerstag dann Kuba
erreichen und im weiteren Verlauf Teile der Bahamas erfassen. Diese
Regionen bekommen in den nächsten zwei bis drei Tagen die volle Wucht
des nunmehr in die zweithöchste, vierte Kategorie eingeordneten
Hurrikans zu spüren. Neben Orkanböen bergen insbesondere die teils
enormen Regenfälle ein sehr hohes Gefahrenpotenzial.
Niederschlagssummen, die regional zwischen 200 und 500 l/qm, in
Staulagen der Gebirge teils auch weit über 500 l/qm erreichen werden
(das ist mehr als z. B. in Berlin im Mittel im ganzen Jahr fällt),
führen zu großflächigen Überflutungen und Erdrutschen. Große Schäden
an Gebäuden und der Infrastruktur sind zu befürchten.

So viel zu den wirklich schlimmen, wenn auch für solche tropischen
Wirbelstürme typischen Auswirkungen. MATTHEW bietet darüber hinaus
aber auch ganz spezielle Facetten, wodurch er sich von vielen seiner
Artgenossen unterscheidet.

Nachdem MATTHEW als noch recht unscheinbares tropisches Tief über die
Inselstaaten St. Lucia und St. Vincent hinweg zog und am 29.
September die Karibische See erreichte, erfuhr er eine ungewöhnlich
rasche Intensivierung bis zur höchsten fünften Kategorie am 1.
Oktober. Zwar waren die meteorologischen Voraussetzungen über der
Karibischen See recht günstig (z. B. sehr warmes Meereswasser),
trotzdem überraschte diese rasante Entwicklung selbst erfahrene
Forecaster. Während dieser Entwicklung zeigte sich ein sog. "pinhole
eye". Das steht im Fachjargon für ein extrem kleines, in
Satellitenbildern fast wie ein "Nadelloch" erscheinendes wolkenfreies
Sturmauge. Wie genau dieses "pinhole eye" zustande kommt, ist unklar.
Es scheint jedoch ein Hinweis auf diese starken
Intensitätsschwankungen zu sein. Die daraus resultierenden
Vorhersageunsicherheiten treiben regelmäßig Schweißtropfen auf die
Stirn der Meteorologen.

Die Entwicklung darf auch deshalb als durchaus bemerkenswert
bezeichnet werden, weil sich MATTHEW als erster atlantischer
Kategorie-5-Hurrikan seit einer neunjährigen "Ruhephase" in die
Geschichtsbücher verewigen wird. Zugleich gab es nur fünf Hurrikans,
die seit 1980 so spät in der Saison einen geringeren Kernluftdruck
(934 hPa) aufwiesen. Kurios ist auch die Zugbahn: MATTHEW verlagerte
sich bis zum 2. Oktober zunächst auf schnurgerader Bahn ostwärts, um
über der Karibischen See schließlich im fast 90-Grad-Winkel auf einen
Nordkurs umzuschwenken. Ein Hurrikan, der den Bereich der Großen
Antillen auf einer nördlichen Zugbahn durchquert, darf als sehr
seltenes Ereignis bezeichnet werden. Vergleichbares trat nur bei den
Hurrikans SANDY (2012) und HAZEL (1954) auf.

Hurrikan MATTHEW ist also in vielerlei Hinsicht ein Wirbelsturm der
etwas anderen Art. Bleibt zu hoffen, dass das auch auf seine
Auswirkungen zutrifft und sich die schlimmsten Befürchtungen nicht
bewahrheiten.

Dipl.-Met. Adrian Leyser
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 04.10.2016

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