Thema des Tages

14-12-2022 14:50


Wetter aktuell
Glatteislage im Süden - Analyse und Ausblick

In Teilen Süddeutschlands wütet aktuell eine brisante Glatteislage.
Doch wie kam es eigentlich dazu und womit muss man noch rechnen?

Ausgangslage:

Zu Wochenbeginn war noch größtenteils das Hoch JULIAN
wetterbestimmend. Zuvor hatte es bei Dauerfrost stellenweise leicht
geschneit, bevor die Wolkendecke in der Nacht zum Dienstag verbreitet
auflockerte bei windstillen Verhältnissen. Das ist ein idealer
Nährboden für besonders kalte Temperaturen, da die Restwärme in die
Atmosphäre ausstrahlen konnte (langwellige Ausstrahlung) und der
Schnee zumindest teilweise leicht isolierend für den Bodenwärmestrom
wirkte. So sank das Thermometer bis zum Dienstagmorgen auf Werte
vielfach unter -10 Grad ab. "Spitzenreiter" waren Reit im Winkl (BY)
mit -17,3 Grad, Geisingen (BW) mit -17,2 Grad und Oberstdorf mit
-16,9 Grad. Aber auch München-Stadt mit -9,1 Grad,
Stuttgart-Echterdingen mit -9,6 Grad sowie Augsburg mit -11,1 Grad
waren gut dabei.

Durch die nur örtliche dünne Schneeauflage konnte der Frost zudem gut
in den Boden eindringen. So wurden vor Einsetzen der Niederschläge in
den heutigen Frühstunden bedingt auch durch die Frostperiode der
Vortage bis in 10 cm, stellenweise auch bis 20 cm Tiefe, negative
Bodentemperaturen in Süddeutschland gemessen.

Der Grundstein war mit tief gefrorenen Böden und einer ausgekühlten
winterlichen Luftmasse also gelegt. Nun näherte sich aus Süden die
langgestreckte Warmfront eines umfangreichen Tiefs westlich der
Biskaya. Diese Warmluft ist leichter als die schwerere Kaltluft in
bodennahen Schichten und gleitet somit in der Höhe langsam auf diese
auf. Als Folge dieser gewissermaßen erzwungenen Hebung setzte Wolken-
und Niederschlagsbildung ein.

So begannen nach Mitternacht erste leichte Niederschläge aufzukommen,
die anfangs noch meist als Schnee, von der Schweiz und Österreich her
aber schon immer häufiger in leichten Regen oder Sprühregen
übergingen. Woran lag das? Ein Blick in die Höhe zeigt, dass die
Warmluft inzwischen schon deutlich mehr Raum nach Norden gewonnen
hat. Zur Mittagszeit lag die 0 Grad Isotherme (Linie gleicher
Temperatur) in rund 1500 Metern schon fast auf Höhe des Großraums
Stuttgart. Zur gleichen Zeit wurden in Altenstadt südwestlich von
München bereits +4 Grad gemessen. Fällt nun der Niederschlag durch
diese warme Schicht schmilzt er und der Weg zum Boden ist kaum noch
ausreichend, um ihn wieder gefrieren zu lassen. Beobachtungen und
Nutzermeldungen zufolge gab es aber am Vormittag bereits einige
Regionen zwischen dem Oberrheingraben und den Großräumen Stuttgart
und München mit einem ständigen Wechel aus gefrierendem Regen,
Schneeflocken und Eiskörnern. Was tatsächlich am Boden ankommt, ist
selbst mit den modernsten Radarprodukten nur sehr schwer
abzuschätzen. Daher sind wir im operationellen Dienst umso dankbarer
für Ihre Zumeldungen - beispielsweise über die WarnWetter-App, die es
uns ermöglichen, ein noch klareres Bild von der aktuellen Lage zu
gewinnen.

Wie geht es nun weiter? Das Hauptproblem bei dieser Unwetterlage ist
ganz klar die Stationarität - die Lage der Luftmassengrenze ändert
sich kaum. Zudem tut sich die Milderung sehr schwer aus der Schweiz
und den Alpen heraus nordwärts auszugreifen. Es gibt kaum
Auflockerungen, so dass die Sonneneinstrahlung helfen könnte, noch
sind die Luftdruckgegensätze und damit die Windgeschwindigkeiten
äußerst schwach. Immerhin hat inzwischen im südlichen Alpenvorland
mäßig auffrischender Südwestwind durchgegriffen und leichtes
Tauwetter hat eingesetzt. Bis nach Freiburg-Stuttgart und München
sollte sich das aber nicht durchsetzen. Und so werden auch die
kommenden Stunden zum Drahtseilakt rechtzeitig und vor allem sicher
von der Arbeit und Schule zum Sport- oder Musikunterricht und
anschließend vielleicht noch kurz zum Einkaufen zu fahren.

Immerhin hat der Flughafen München inzwischen für 2 Stunden lang den
Flugbetrieb eingestellt. Darüber hinaus gab es schon zahlreiche
Unfälle, die Krankenhäuser sind vielerorts (auch aus
nicht-meteorologischen Gründen) überfüllt und/oder überlastet.
Etliche Patienten wurden aber auch als Folge von Stürzen
eingeliefert. Autobahnen und Bundesstraßen wurden zeitweise gesperrt.


Und Entwarnung kann weiterhin nicht gegeben werden. Auch in den
nächsten Stunden wird es zu weiteren Niederschlägen kommen, die in
der Nordhälfte Bayerns und Baden-Württembergs meist als Schnee, sonst
als Regen fallen. Dabei ziehen sich die Niederschläge im Laufe der
kommenden Nacht zum Donnerstag zunehmend nach Süden zurück und gehen
von Norden zögernd überall in Schnee über, bevor sie dann am
Donnerstagvormittag langsam abklingen. Das bedeutet, dass es selbst
noch einmal im inzwischen milden südlichen Alpenvorland kritisch
werden ken. In den aktuell betroffenen Glatteisgebieten wachsen die
Eispanzer unterdessen weiter an, so dass auch größere Schäden an der
Infrastruktur nicht ausgeschlossen werden können.


Dipl.-Met. Robert Hausen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 14.12.2022

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