Thema des Tages

20-01-2024 14:20


Wetter aktuell
Kenntnisse der Lawinenkunde und des Wetters helfen bei der sicheren
Skitourenplanung

Das von Hochdruck geprägte und sonnige Winterwetter an diesem
Wochenende lockt viele zum Wintersport in die Mittelgebirge oder die
Alpen. Wer in den Alpen eine Skitour unternimmt, sollte dabei immer
die Lawinenlage im Blick haben. Wir blicken auf die aktuelle
Gefahrenlage und erläutern, was man unter dem Begriff "Triebschnee"
versteht.

In den letzten Jahrzehnten erlebte das Tourengehen einen regelrechten
Boom. Auf der Suche nach Natur, Abenteuer und Einsamkeit schätzen
viele Wintersportler die Freiheiten, die eine Skitour bietet. Für
eine sichere Tourenplanung ist es jedoch wichtig, ein
Grundverständnis vom Wetter und der Lawinenkunde zu haben. Die
meteorologischen Prozesse beeinflussen die
Schneedeckenzusammensetzung und die Entstehung sowie Entwicklung von
Schwachschichten. Mit dem Wissen zu den in der Schneedecke
ablaufenden Prozessen und dem Wettergeschehen sowie mithilfe der
Angaben in den Lawinenlageberichten lassen sich die Gefahren im
Gelände besser einschätzen. Zudem wird auch die Auswahl einer
sicheren Skitourenroute erleichtert.

Während der vergangenen Woche häuften sich Lawinenauslösungen teils
auch mit Personenbeteiligung. Bis zum gestrigen Freitag wurde von den
Lawinenwarndiensten in den Hochlagen der Alpen oberhalb etwa 2000
Meter vor einer erheblichen Lawinengefahr gewarnt. Auf der
fünf-teiligen Gefahrenstufenskala entspricht dies der Stufe 3. Für
Wintersportler im freien Gelände ist diese Gefahrenstufe meist die
kritischste Situation, bei der rund die Hälfte aller Lawinentoten zu
beklagen sind. Eine optimale Routenwahl ist daher sehr wichtig.
Steile Hänge der in den Lawinenbulletins angegebenen Expositionen und
Höhenlagen sollten gemieden werden.

Vor allem der Windeinfluss und zeitweise frischer Neuschnee trugen in
der vergangenen Woche entscheidend zur erheblichen Lawinenlage bei.
Der von dem Geologen Wilhelm Paulcke in den 1930ern geprägte Satz:
"Der Wind ist der Baumeister der Lawinen." gilt auch heute noch
unverändert fort. Unter diesen Voraussetzungen bildeten sich vermehrt
neue, zum Teil auch sehr störanfällige Triebschneeansammlungen.
Triebschnee lagert sich an windabgewandten Hangseiten vorrangig in
windgeschützten Karen oder Mulden ab. Da auf diese Weise größere
Schneemengen zusammengetragen werden, können in kurzer Zeit dicke
Triebschneedecken entstehen, die zudem nur sehr lose mit den alten
Schneeschichten verbunden sind. Insbesondere dort, wo der Triebschnee
auf Oberflächenreif oder einer lockeren Schneeoberfläche mit kantigen
Schneekristallen zum Liegen kommt. Innerhalb der
Triebschneeansammlung selbst weisen die Schneekristalle allerdings
eine hohe Bindung auf. Nach dem Windtransport sind die
Schneekristalle deformiert und ineinander verhakt, sodass sich
dadurch gefährliche Schneebretter entwickeln können.

Des Weiteren wurde Mitte der Woche von Frankreich her eine markante
Warmfront nordwärts über die Alpen geführt. Während es über der Mitte
Deutschlands dabei zur Ausbildung einer markanten Luftmassengrenze
mit einer extrem Eisregenlage und auf der Nordseite zu starken
Schneefällen kam, führte der Warmlufteinschub an den Alpen zu einer
deutlichen Milderung (siehe auch Thema des Tages vom 16.01.2024).
Durch die Temperaturzunahme und Anfeuchtung der Schneedecke bis in
mittlere und höhere Lagen bis etwa 2400 m verstärkten sich die
Schneebretteigenschaften des zuvor gebildeten Triebschnees. Das
erhöhte die Störanfälligkeit der Schneedecke in Bezug auf
Schneebrettlawinen. Zusätzlich schwächte der Regen die
Schneeoberfläche auch in windberuhigten Bereichen. Aus sehr steilem
Gelände konnten sich daher vorübergehend auch feuchte und nasse
Lockerschneelawinen lösen.

Am Donnerstag wurde die Luftmassengrenze als Kaltfront wieder zurück
an und bis zum gestrigen Freitag auch über die Alpen geführt. Damit
verbunden wurden etwa 5 bis 15 cm Neuschnee abgeladen. In einigen
Staulagen war es auch noch ein wenig mehr. Auch der lebhafte
nordwestliche Wind wirkte wieder mit, sodass neue frische
Triebschneeansammlungen vor allem im kammnahen Steilgelände
entstanden sind. Der frische Triebschnee ist zwar nicht allzu
mächtig, dennoch ist die Bindung zur darunterliegenden Schneedecke
nur schwach ausgeprägt.

Unter Hochdruckeinfluss hat sich die Lawinengefahr zum heutigen
Samstag generell entspannt und in den Hochlagen ist eine Rückstufung
auf die mäßige Gefahrenstufe (Stufe 2) erfolgt. Dennoch sind
Auslösungen von Schneebrettlawinen insbesondere im kammnahen
Steilgelände und in zugewehten Rinnen und Mulden durch einen oder
mehrere Skifahrer möglich. Neben der Verschüttungsgefahr ist die
Absturzgefahr zu beachten.

Woran lässt sich Triebschnee im Gelände erkennen? Besonders
charakteristisch für Triebschnee sind seine matte (kein Glitzern der
Schneekristalle) und gespannte Oberflächenstruktur sowie die scharfen
Kanten, die beim Spuren entstehen. Risse in der Schneedecke, oft
neben der Spur, sowie ein stumpfer Widerstand beim Befahren sind
ebenfalls ein Indiz für Triebschnee.

In tieferen Lagen herrscht derzeit nur eine geringe Lawinengefahr
(Stufe 1). Dennoch kann es wegen der zum Teil tiefgreifenden
Durchfeuchtung der meist gering mächtigen Schneedecke noch zu
einzelnen Gleitschneelawinen kommen.

Besonders jenen alpinen Wintersportlern, die sich gerne im
ungesicherten Gelände bewegen, seien daher die aktuellen
Lawinenlageberichte der verschiedenen Alpenregionen ans Herz gelegt.
Zwischen dem Lawinenwarndienst Bayern und dem Deutschen Wetterdienst
besteht zudem eine enge Zusammenarbeit. Der Wetterbericht für den
Deutschen Alpenraum auf der Homepage des Lawinenwarndienst Bayern
wird von den Meteorologen der Regionalen Wetterberatung München
verfasst, ebenso sind Lawinenlageberichte und Gefahrenstufen auf
der Website und in der WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes
einsehbar.


M.Sc.-Met. Sebastian Altnau
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 20.01.2024

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