Thema des Tages

02-03-2017 14:40

Aprilwetter im März - Warum es derzeit in Deutschland so stürmisch
zugeht

Das Tief WILFRIED bildete sich in der Nacht zum Mittwoch südwestlich
von Irland als Randtief eines umfangreichen Tiefkomplexes vor
Norwegen. Es zog sodann zunächst über den Ärmelkanal nach
Nordfrankreich und erreichte heute Morgen Norddeutschland. Der
Höhepunkt der Tiefentwicklung wird heute Nachmittag etwa über
Nordpolen erwartet.

Der eine oder andere mag sich fragen, warum es in Mitteleuropa
derzeit so stürmisch ist? Die Ursache für die aktuelle
Aneinanderreihung der Tiefdruckgebiete, die vom Atlantik kommend über
Mitteleuropa ziehen, ist in der Druckverteilung zu suchen: Über
weiten Teilen des Nordatlantiks herrscht tiefer Luftdruck vor,
während ein kräftiges Azorenhoch dagegenhält. Dadurch ergibt sich
über dem Nordatlantik ein starker Luftdruckgradient, was anhand der
dichten Drängung der Isobaren (Linien gleichen Luftdrucks) erkennbar
ist. Die Schwankungen der Luftdruckverhältnisse zwischen dem
Azorenhoch und dem Islandtief werden durch die sogenannte
?Nordatlantische Oszillation? (NAO) beschrieben. So gibt es einen
Index, der genau diese Stärke der Luftdruckdifferenz angibt und somit
ein Indiz für die Intensität der Westwinddrift ist: der sogenannte
?NAO-Index?. Bereits seit der letzten Februardekade ist der NAO-Index
positiv und liegt fast bei eins. Eins ist kein hoher Wert, es geht
noch höher, jedoch deuten positive Werte auf ein stark ausgebildetes
Azorenhoch und ein ebenso kräftiges Islandtief hin. Gleichfalls sind
hohe Index-Werte mit einer intensiven nordatlantischen Westdrift
verbunden.

In diese Westwindzone ist sogleich auch die Frontalzone eingebettet.
Das ist der Bereich, in dem sich bevorzugt Tiefdruckgebiete
entwickeln. Diese Frontalzone reicht derzeit vom nahen Ostatlantik
über Deutschland hinweg nach Südosteuropa. So ist es nicht
verwunderlich, dass ein Tief nach dem anderen über unsere Köpfe
hinwegrauscht.

Kräftige Tiefentwicklungen gehen im Allgemeinen mit starkem Wind
einher. So war und ist diese Begleiterscheinung auch heute wieder das
große Thema. In den Frühstunden erreichte das Starkwindfeld des Tiefs
WILFRIED zunächst den Westen des Landes. Aktuell beeinflusst das Tief
mit dem stärksten Wind die Mitte Deutschlands. Verbreitet meldeten
Stationen im Flachland von NRW und Rheinland-Pfalz, über das südliche
Niedersachsen bis nach Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt Sturmböen
(Nörvenich: 90 km/h, Gießen und Erfurt: 87 km/h). Die höchste Böe
wurde bis heute 9 Uhr in Düsseldorf mit 91 km/h gemessen.
Bergstationen blieben hierbei unberücksichtigt.

Obwohl WILFRIEDS Einfluss auf Deutschland allmählich nachlässt, muss
bis zum späten Nachmittag vor allem noch in der östlichen Mitte - von
Thüringen und Sachsen-Anhalt über Brandenburg und Sachsen bis nach
Nordbayern - mit Sturmböen (65-85 km/h), regional schweren Sturmböen
(bis 100 km/h) und vereinzelt mit orkanartigen Böen (um 110 km/h)
gerechnet werden. Grund dafür ist ein scharf ausgeprägter Bodentrog
(siehe DWD-Lexikon), der in einiger Entfernung der Kaltfront des
Tiefs folgt. Aufgrund der hinter dem Tief eingeflossenen kalten
Höhenluft ist die Atmosphäre auf der Rückseite der Kaltfront nun
labil geschichtet. Das heißt, die Temperatur kühlt sich mit der Höhe
rasch ab. So ist es möglich, dass die hohen Windgeschwindigkeiten,
die derzeit zwischen 600 und 800 Meter Höhe herrschen, in kräftigen
Schauern oder Gewittern bis zum Boden heruntergemischt werden und
Schäden anrichten können. Es ist also Vorsicht geboten, wenn Sie sich
im Freien aufhalten. Die Grafik zeigt die vorhergesagten
Windgeschwindigkeiten in 600 bis 800 Meter Höhe am heutigen
Donnerstagmittag. Zur Vereinfachung sind farblich nur
Windgeschwindigkeiten über etwa 60 km/h dargestellt. Die Windfiedern
sind in Knoten widergegeben (1 voller Strich = 10 Knoten, 1 Fähnchen
= 50 Knoten = 100 km/h).

Nach Durchzug des Troges setzt sich rasch Wetterberuhigung durch. Ein
Zwischenhoch sorgt am Freitag für freundliches Wetter in weiten
Teilen Deutschlands mit Höchstwerten von 7 Grad auf den Nordseeinseln
und 15 Grad am Oberrhein. Mit einsetzendem Föhnsturm sind im
Alpenvorland lokal 17 Grad möglich.


Wenn Sie heute die ?Spitzenreiter? erwartet haben, müssen wir Sie
aufgrund der aktuellen Wetterlage auf den morgigen Freitag
vertrösten.

Dipl.-Met. Julia Fruntke
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 02.03.2017

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