Thema des Tages

21-11-2017 14:40

Mittelmeerluft in den Startlöchern

Es folgen die Temperaturhöchstwerte des gestrigen Montags :
Nimes (Südfrankreich): 18 Grad, Madrid: 18 Grad, Lissabon: 21 Grad
"Schönen Dank auch, bei uns sind es immer noch nasskalte 4 Grad!" -
werden sich derzeit beispielsweise die Berliner denken. Wer am
Niederrhein allerdings heute Morgen den ersten Fuß vor die Tür
gesetzt hat, der wird die veränderte Luftmasse bei milden 11 Grad
sofort gespürt haben. Nach der "Macht der Gewohnheit" haben Sie
womöglich erneut zum dicken Herbstmantel gegriffen und diesen
umgehend wieder geöffnet, sowie die flugs gegriffene Wollmütze rasch
wieder abgesetzt. Immerhin fiel ja gestern noch oberhalb von rund 600
Metern mehrfach nasser Schnee, der allerdings im Tagesverlauf von
Westen mehr und mehr in Regen übergegangen ist. Damit kündigte sich
der Wetterumschwung bereits an; nun ist er in vollem Gange.

Bei der Ursachenforschung geht der Blick wie so oft nach Westen auf
den Atlantik, wo die für unser Wettergeschehen der nächsten Tage
entscheidenden Luftdrucksysteme entstehen. Dort etabliert sich
aktuell das Tief "REINHARD" westlich der Britischen Inseln (Kerndruck
bei 995 hPa), das bis Mittwoch unter Aufspaltung in zwei Tiefs zur
Nordsee beziehungsweise zu den Britischen Inseln zieht. Die damit in
Verbindung stehende Warmfront überquert Deutschland zögernd von West
nach Ost. Achten Sie dabei auf den Wind bei Ihnen vor Ort, denn die
Warmfront ist mit einer ausgeprägten Winddrehung von Südost auf
Südwest verbunden! Kommt er aus Südost, bleibt es zunächst noch kalt.
Dreht er auf Südwest, fließt die Warmluft ein, was in den Frühstunden
des morgigen Mittwochs auch an der Oder der Fall sein wird.

Da sich Tiefdruckgebiete auf der Nordhalbkugel entgegen des
Uhrzeigersinns drehen, kommt die Luftströmung auf der rechten Flanke
aus südlichen Richtungen. Aufgrund der beschriebenen Konstellation
wird also direkt die warme Subtropikluft im Bereich der Iberischen
Halbinsel angezapft und nach Norden gepumpt, womit die eingangs
erwähnten Höchstwerte aus dieser Region wieder ins Spiel kommen. So
werden schon am heutigen Dienstag entlang von Rhein, Mosel, Lippe und
Ems Temperaturen bis 14 Grad erreicht. Der Höhepunkt des
ungewöhnlichen milden Wetterabschnitts ist für den kommenden
Donnerstag avisiert, an dem deutschlandweit 10 bis 15 Grad, lokal
sogar 18 Grad erreicht werden.

Jetzt fragen Sie sich natürlich zu Recht, was bedeutet "lokal" und
trifft das auch für meine Region zu? Wir Meteorologen im
Vorhersagedienst verwenden diesen Begriff sehr gerne. Zum einen, um
mögliche Unsicherheiten, die es je nach Wetterlage in
unterschiedlicher Ausprägung bei der Prognose immer gibt,
"abzufedern". Zum anderen würde es jeglichen Rahmen sprengen, wenn
wir die Gebiete namentlich aufzählen, die aufgrund ihrer
geographischen Lage z.B. im Lee (also auf der windabgewandten Seite)
der Gebirge liegen. Bei diesem als "Föhneffekt" bekannten Phänomen
sinkt die Luft ab, wird trockener und erwärmt sich (im Mittel mit 1
Grad pro 100 Meter). Kräftiger Wind sorgt dabei nicht nur für die
Überströmung der Berge, sondern gleichzeitig auch für eine gute
Durchmischung der unteren Luftschichten. Wenn die Luft ständig in
Bewegung ist, wird die Bildung kleinräumiger Kaltluftseen verhindert,
was die Tagesmaxima drosseln würde.
"Last but not least" schadet es dann nie, wenn selbst zu dieser
fortgeschrittenen Jahreszeit direkte Sonneneinstrahlung noch einen
zusätzlichen Energieinput leistet, um noch ein paar Grad Celsius
herauszukitzeln.

Also, wenn Sie am Nordostrand eines Gebirges wohnen (da Windrichtung
Südwest) und ein spürbarer Wind weht und dann auch noch zeitweise die
Sonne zum Vorschein kommt, so haben Sie gute Chancen zu den "Lokalen"
zu zählen, die am Donnerstagnachmittag tatsächlich 18 Grad auf ihrem
Thermometer bestaunen können.

Dipl.-Met. Robert Hausen
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.11.2017

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