Thema des Tages

15-06-2018 08:20

"Normalität" ist eingekehrt: Rückblick und Ausblick

Eine außergewöhnliche Witterungsperiode liegt hinter uns. Nachdem
sich im März der Winter mit Schnee und Dauerfrost verabschiedete,
schien anschließend der Frühling in diesem Jahr regelrecht
auszufallen und der Winter direkt in den Sommer überzugehen. Dem
bisher wärmsten April seit Beginn offizieller Temperaturmessungen
folgte ebenso der bisher wärmste Mai, sodass der diesjährige
meteorologische Frühling trotz des Kaltstarts im März als
zweitwärmster seiner Zunft in die Geschichte einging (siehe
Frühlingsbilanz im angefügten Link). Diese bemerkenswerte
Witterungsperiode ging sogar bis zum Ende des ersten Junidrittels in
die Verlängerung, das ebenso deutlich wärmer als im langjährigen
Mittel ausfiel. Neben den teils hochsommerlichen Temperaturen sorgten
in den vergangenen Wochen fast täglich heftige Gewitter mit
sintflutartigen Regenfällen für Schlagzeilen, die in zahlreichen
Orten in Deutschland verheerende Überschwemmungen, Sturzfluten und
immense Schäden verursachten. Als Kontrastprogramm herrscht(e) in
Teilen Nord- und Ostdeutschlands große Trockenheit, die für Natur und
Landwirtschaft zunehmend zum Problem wurde.



Ursache hierfür war eine in den vergangenen Wochen und Monaten
vorherrschende sehr stabile Großwetterlage. Über dem Nordatlantik war
die normalerweise rege Tiefdruckaktivität auffällig schwach. Anstelle
dessen dominierten vom mittleren Nordatlantik über das Europäische
Nordmeer bis nach Skandinavien und Osteuropa Hochdruckgebiete, die
sich immer wieder regenerieren konnten (siehe obige Abbildung vom 27
Mai, 02 MESZ). Die atlantischen Tiefs, ohnehin schon recht schwach
auf der Brust, hatten somit keine Chance gegen das Hochdruck-Bollwerk
anzukommen (sogenannte Blocking-Lage). Daher konnten kaum Tiefs kühle
und feuchte Meeresluft nach Deutschland transportieren. Vorderseitig
eines Höhentiefs über der iberischen Halbinsel sickerte dagegen immer
wärmere und feuchtere Luft zu uns ein. Über Mitteleuropa selbst
verhinderten zudem geringe Luftdruckgegensätze einen
Luftmassenaustausch, sodass wir uns wochenlang in dieser schwülwarmen
Luftmasse befanden, in der sich über den Mittelgebirgen und im
Bereich schwacher bodennaher Tiefdruckzonen schwere Gewitter
entluden.



Diese Großwetterlage hat sich Anfang/Mitte dieser Woche grundlegend
umgestellt. Die Blocking-Lage wurde nach langer Zeit einmal wieder
von einer eher westlichen Strömung abgelöst. Salopp gesprochen ist
wieder "Normalität" eingekehrt (siehe untere Abbildung von heute, 02
MESZ). Dem Azorenhoch steht ein großräumiger Tiefdruckkomplex über
dem nördlichen Nordatlantik und dem Europäischen Nordmeer gegenüber.
Darin eingebettet ist das für die Jahreszeit recht kräftige Sturmtief
ZOEY, das gestern Teilen Großbritanniens einen heftigen Sommersturm
brachte und heute mit schweren Sturmböen die norwegische Küste
heimsucht. Je nachdem, ob nun in Deutschland der Einfluss des
Azorenhochs oder der des sogenannten Islandtiefs dominiert, ist
entweder mit sonnigem und mäßig warmem Wetter oder mit eher kühlem
und wechselhaftem Wetter zu rechnen.



Das Tal mit vergleichsweise kühlen Temperaturen zur Wochenmitte ist
bereits wieder überschritten, wobei sich die Temperaturen nur wegen
der vorherigen andauernden Wärme- bzw. Hitzeperiode so kühl
anfühlten. Aktuell nimmt das Azorenhoch Kontakt mit einem Hoch über
Russland auf, sodass sich Deutschland im Bereich einer
Hochdruckbrücke befindet. Ausgehend von Tief ZOEY macht sich noch
eine schwache Okklusionsfront etwa vom Saarland über die Mitte bis
nach Vorpommern mit einem schmalen Wolkenband bemerkbar. Dieses löst
sich unter Hochdruckeinfluss aber langsam auf. Ansonsten können wir
uns heute über recht freundliches Wetter mit einem Mix aus Sonne und
Wolken bei angenehmen Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad freuen.
Damit liegen die Temperaturen im für die Jahreszeit
durchschnittlichen Bereich.



Am morgigen Samstag überwiegt weiterhin der Hochdruckeinfluss. Neben
einigen Quellwolken lässt sich bei noch etwas ansteigenden
Höchsttemperaturen (22 bis 28°C) vor allem im Süden die Sonne
blicken. Im Norden sind jedoch ab dem späten Nachmittag erste Schauer
möglich. In der Nacht zum Sonntag und am Sonntag selbst unterbricht
ein kleines Höhentief über der Nordsee das Hochdruckwetter und es
kommt zunächst im Norden, am Nachmittag auch im Osten und Süden zu
einzelnen Schauern und kurzen Gewittern. Vor allem dort muss man beim
"Public Viewing" den Himmel im Auge behalten. In der kommenden Woche
setzt sich die "Normalität" fort, wobei ab Wochenmitte noch offen
ist, wohin beim Wetter die Reise geht.


Dipl.-Met. Dr. Markus Übel
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.06.2018

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