Thema des Tages

09-07-2016 14:40

Die Ruhe vor dem Wirbelsturm

Der Start in die diesjährige Taifunsaison über dem Nordwestpazifik
verlief außergewöhnlich ruhig. 4776 Stunden, also sage und schreibe
199 Tage am Stück, trat dort kein tropischer Wirbelsturm auf. Das ist
die längste Phase ohne Registrierung eines Taifuns in der
nordwestpazifischen Geschichte. Doch es scheint, als ob die Natur das
mit einem Schlag "wieder gut machen" wollte. Denn am 200. Tag der
Inaktivität, dem 3. Juli 2016, klassifizierte der zuständige
japanische Wetterdienst (JMA) einen sich intensivierenden tropischen
Sturm schließlich als Taifun und taufte ihn auf den Namen NEPARTAK.
NEPARTAK, dessen Geburtsstunde den zweitspätesten Start in eine
Taifunsaison markiert, sollte in der Folge gleich zu einem
ungewöhnlich starken "Super-Taifun" der fünften Kategorie
heranreifen.

NEPARTAKS Wiege befindet sich über dem Seegebiet nahe Guam. Eine
bemerkenswerte Intensivierung zwischen dem 30. Juni (erste
Registrierung) und dem 3. Juli veranlasste die JMA zu einem
Hochstufen des Systems zu einem tropischen Sturm und schließlich zu
einem Taifun der ersten Kategorie. Die Luftdruckverteilung im Umfeld
des Taifuns sowie sehr gute Entwicklungsbedingungen (sehr hohe
Meeresoberflächentemperaturen von rund 31 Grad und geringe Änderung
der Winde mit der Höhe) zwischen dem Marianen-Archipel und dem
asiatischen Kontinent ließen schnell die Befürchtung aufkommen, dass
NEPARTAK unter weiterer Verstärkung auf einen nordwestlichen Kurs
kommen und sich Taiwan und später auch China nähern könnte.

Leider bewahrheiteten sich diese Befürchtungen, die in der
Zwischenzeit auch durch konsistente Wettermodellberechnungen immer
weiter genährt wurden. NEPARTAK ließ als Super-Taifun der fünften und
damit höchsten Kategorie am 6. Juli etwa 1000 Kilometer südöstlich
von Taiwan so richtig die Muskeln spielen. Sowohl der gerade mal
knapp 900 hPa betragende Luftdruck in Kernnähe, als auch das
1-Minuten-Mittel der Windgeschwindigkeiten von 280 km/h ließen keine
Zweifel aufkommen: NEPARTAK plusterte sich zu einer echten, überaus
gefährlichen Naturgewalt auf.

Zugegeben, vom Weltraum aus gesehen ging NEPARTAK mit seinem sehr
deutlich definierten "Auge" und seiner Symmetrie durchaus als
Schönheitsideal für tropischen Wirbelstürme durch (siehe Grafik auf
http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2016/7/9.html). Die
Ambivalenz dieser "natürlichen Schönheit" bekamen am Abend (UTC) des
7. Juli allerdings die Bewohner Taiwans zu spüren. NEPARTAK legte als
Taifun der vierten Kategorie mit extremen Windböen und exzessiven
Regenfällen im Gepäck an der Südostküste der Insel an.

An einigen Orten im Südosten der Insel wurden binnen 24 Stunden fast
500 Liter Regen pro Quadratmeter (Tianxiang 484 l/qm, Yuli 444 l/qm)
registriert - das ist mehr, als in einigen Regionen Deutschlands in
einem ganzen Jahr fällt. Kein Wunder also, dass es zu teils
gewaltigen Überflutungen kam. Windböen mit Geschwindigkeiten von 200
km/h und mehr leisteten darüber hinaus einen weiteren, erheblichen
Beitrag zu den großen Schäden. Leider sind auch mindestens zwei
Todesopfer zu beklagen.

Über der Insel schwächte sich NEPARTAK rasch ab. Auch auf seinem Weg
über die Formosastraße Richtung chinesischer Küste, wo er heute
Morgen an Land ging, kam es zu keiner neuerlichen Intensivierung. Mit
heftigen Regenfällen ist im Osten Chinas heute und in den kommenden
Tagen aber trotzdem zu rechnen. Da die Böden durch die
Monsunregenfälle der vergangenen Tage gesättigt sind, dürften
Überschwemmungen recht wahrscheinlich sein.


Die Gewalt, mit der Taifun NEPARTAK Taiwan traf, lässt die 200-tägige
Ruheepisode über dem Nordwestpazifik fast in Vergessenheit geraten.
Im Nachhinein war es eher eine trügerische Ruhe vor dem großen
Wirbelsturm.

Dipl.-Met. Adrian Leyser
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.07.2016