Thema des Tages

05-03-2020 09:20

VICTORIA und EKART - Gegensätze ziehen sich an?

Der Winter war nicht nur ungewöhnlich mild, sondern brachte auch
extreme Luftdruckgegensätze mit sich. Aber welche Rolle spielen dabei
VICTORIA und EKART?

Dass der (meteorologische) Winter 2019/20 als zweitwärmster Winter
seit Messbeginn in die Geschichte eingeht, wurde bereits verkündet.
Heute geht es allerdings um einen ganz anderen meteorologischen
Parameter, der in diesem Winter in Europa und auf der Nordhalbkugel
auch zeitweise ziemlich extrem war, nämlich der Luftdruck.

Im Januar sorgte zunächst Hoch EKART für Schlagzeilen. Ab dem 18
Januar baute sich über Großbritannien dieses gewaltige
Hochdruckgebiet auf, das am 20. Januar seinen Höhepunkt erreichte und
sich auch auf weite Teile Mitteleuropas ausweiten konnte (Abb. 1).
Der Luftdruck stieg auf ungewohnte Höhen und brachte zunächst die
Briten in "Aufruhr". Der nationale Wetterdienst warnte vor möglichen
Ausfällen des TV-Programms und vor Ohr- und Kopfdruck bei
empfindlichen Menschen. Der Druck erreichte in der Nacht zum 20.
Januar in Teilen von Wales und Südengland über 1050 hPa und damit
dort einen der höchsten Werte seit Messbeginn. Die britischen Medien
warfen sogar die kühne Theorie auf, der Tee würde an diesem Tag
besonders fein schmecken, da der Siedepunkt des Wassers minimal höher
war (101,0°C bei 1050 hPa) als bei durchschnittlichen
Luftdruckverhältnissen. Auch in Belgien und den Niederlanden wurden
an einigen Wetterstationen über 1050 hPa registriert und selbst in
Deutschland erlebten wir den höchsten Luftdruck seit mehreren
Jahrzehnten, insbesondere im Westen (z.B. 1049,4 hPa am Flughafen
Köln-Bonn). Für die "Profis" unter den Lesern sei noch erwähnt, dass
EKART kein winterliches Kältehoch war, wie es alljährlich über
Sibirien anzutreffen ist. Bemerkenswerterweise entstand EKART
hingegen rein dynamisch in einer zuvor von Tiefs geprägten milden
westlichen bis südwestlichen Strömung.

Keine vier Wochen später zeigte sich über dem Nordatlantik ein
weiteres extremes Druckgebilde. Innerhalb von weniger als 48 Stunden
entwickelte sich aus einem zunächst harmlosen Tief südlich von
Neufundland das riesige Orkantief VICTORIA, das sich in der Nacht zum
16. Februar mit seinem Zentrum südlich von Island befand (Abb. 2).
Auf der Bodenwetterkarte ist die "Schallplatte", wie wir Meteorologen
solche Tiefs dem Aussehen nach salopp bezeichnen, eindrucksvoll zu
erkennen. VICTORIA erreichte einen geschätzten minimalen Kerndruck
von etwa 920 hPa! Damit reiht es sich ein in die Liste der Tiefs mit
den niedrigsten Luftdrücken, die sich jemals über dem Nordatlantik
gebildet haben (siehe Thema des Tages vom 17. Februar). Nach der
These der Briten schmeckte in Reykjavik wohl am Morgen des 16.
Februar bei einem gemessenen Luftdruck von nur 940 hPa der Tee nicht
ganz so fein, kochte da das Wasser ja schon bei 97,9°C.

VICTORIA war nur der Höhepunkt einer Phase mit außergewöhnlich tiefem
Luftdruck über dem Nordatlantik zwischen Neufundland, Grönland,
Island und Skandinavien. Im Februar fiel in zahlreichen
nordatlantischen Tiefs der Luftdruck unter 950 hPa - Werte die sonst
nur relativ selten bei kräftigen Sturm- oder Orkantiefs erreicht
werden.

Dies hängt maßgeblich mit dem zurzeit äußerst starken Polarwirbel
zusammen. Dieser ist ein großräumiges und hochreichendes
Tiefdruckgebiet über der Nordpolarregion, das bis in die Stratosphäre
hineinreicht und vor allem in den Wintermonaten ausgeprägt ist. Fast
den gesamten Winter hinweg drehte der Polarwirbel über der
Nordhalbkugel nahezu unbekümmert seine Kreise. Gemittelt über die
Fläche nördlich des 65. Breitengrades wurde seit Ende Dezember
letzten Jahres sowohl in der Troposphäre als auch in der Stratosphäre
eine durchweg negative Geopotentialanomale verzeichnet (Abb. 3,
oben). In anderen Worten, der Luftdruck lag in der Arktisregion in
allen atmosphärischen Höhenniveaus unter dem vieljährigen Mittel von
1979-2000.

Dies spiegelt sich in der Folge auch in der "Arktischen Oszillation"
(AO) wider. Die AO ist ein Maß für die Luftdruckgegensätze zwischen
den arktischen und mittleren Breiten (20°N bis 90°N) auf der
Nordhalbkugel (Details siehe Thema des Tages vom 15. Februar). Ist
der AO-Index positiv, sind die Luftdruckgegensätze zwischen mittleren
und hohen Breiten größer als im vieljährigen Mittel. Dies erzeugt
starke westliche Winde, die warme Atlantikluft unter anderem nach
Nord- und Mitteleuropa führen. Seit Ende Dezember ist der AO-Index
ausnahmslos positiv und im Februar war er zeitweise auf Rekordniveau
(AO > 6, Abb. 3, links unten).

Auch die "Nordatlantische Oszillation" (NAO) passt in dieses Bild,
wenngleich die positiven Werte dieses Indexes nicht so extrem
ausfielen wie die des AO-Indexes. Dabei beschreibt die NAO die Stärke
der Druckgegensätze zwischen dem Azorenhoch im Süden und dem
Islandtief im Norden. Positive Werte für Mittel- und Nordeuropa haben
ähnliche Folgen wie ein positiver AO-Index. Vor allem der erwähnte
tiefe Luftdruck zwischen Grönland und Skandinavien erklärt die in
diesem Winter fast ununterbrochene positive Anomalie (Abb. 3, rechts
unten).

Tatsächlich sind sich VICTORIA und EKART (zeitlich) nie begegnet -
zum Glück! Bei diesen (Luftdruck-)Gegensätzen (ca. 130 hPa!) wäre es
eine äußerst "stürmische" Beziehung geworden.


Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 05.03.2020

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